Dr. Heinrich-Christian Rust

Interview mit Dr. Heinrich-Christian Rust:

Heiner, vor zehn Jahren bist Du aus dem übergemeindlichen Dienst zur Braunschweiger Friedenskirche gekommen. War das, aus heutiger Sicht, eine richtige Entscheidung?
Diese Frage kann ich mit einem eindeutigen “ Ja“  beantworten.  Zuvor habe ich Gemeinden und Leiter vielfach beraten, welche Hilfen es für den missionarischen Gemeindeaufbau gibt. Aber ich habe in den Jahren des ausschließlich überregionalen Dienstes immer gehofft und es mir gewünscht, auch wieder in eine Ortsgemeinde gehen zu können.  Die Ortsgemeinde ist die beste Lehrmeisterin für einen missionarischen Gemeindeaufbau. Heiner-Christian RustZudem bin ich ja auch neben meiner Tätigkeit hier in der Ortsgemeinde weiterhin  zu auswärtigen Diensten unterwegs, und ich kann dabei viele Impulse sammeln, die uns weiterhelfen und auch manche guten Erfahrungen und Ansätze weitergeben,  die wir hier in der Braunschweiger Friedenskirche machen dürfen.

Mittlerweile bist Du dienstältester Hauptamtlicher der Gemeinde. Wo siehst Du insbesondere Deine Aufgaben?
Es sind im vorrangig  drei Schwerpunkte, die ich in meinem Dienst vorort habe:  Mir liegt die lehrmäßige Ausrichtung der Gemeinde sehr am Herzen und gemeinsam mit meinen Pastoren- Kollegen und  in der Ältestenschaft treffen wir uns mit aufgeschlagener Bibel und tauschen darüber aus, wie in unserer Zeit das allzeit gültige Evangelium von Jesus Christus weitergeben und verkündigt werden kann.  So stimme ich die Schwerpunktthemen ab und bitte immer wieder um eine klare am Wort Gottes ausgerichtete Lehre. Ohne eine gesunde Lehre wird eine Gemeinde krank. – Ein zweiter Schwerpunkt liegt in der visionären und auch strukturellen Weiterentwicklung der Gemeinde.  Auch hier schätze ich den Austausch mit den Mitarbeitern sehr. Ich freue mich über den Mut, die Umsichtigkeit und die Vision , die Gottes Geist  unter uns schenkt. Die Beschreibung von konkreten Gemeindezielen , aber auch die damit verbundenen  Schritte für die Umsetzung solcher Ziele liegen mir sehr am Herzen.  Die besten Ziele sind allerdings nichts wert, wenn nicht auch die Menschen  davon überzeugt   und motiviert sind.  Und so liegt ein dritter Schwerpunkt meines Dienstes in der Begleitung und vielfach auch im Mentoring und in der Ausbildung von leitenden Mitarbeitern in der Gemeinde.

In den letzten zehn Jahren ist die Gemeinde um rund 80 Prozent gewachsen. Worauf führst Du diese Entwicklung zurück?
Diese Frage wird uns ja ziemlich oft auch von auswärtigen Besuchern gestellt. Es gäbe hier mehrere Ansätze für den Versuch einer Deutung . Ich könnte auf die vielen hochmotivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinweisen; auf unsere zielorientierte Gemeindearbeit oder auch auf andere Aspekte, die mehr darin liegen, dass wir sagen: „Wir machen es ganz gut! „. Ich weiß aber, dass  es auch in anderen Gemeinden und Kirchen ungezählte Menschen gibt, die es ebenso gut machen oder auch noch besser.  Diesen einseitigen Ansatz,  ein Gemeindewachstum zu deuten, finde ich also nicht überzeugend.  Der Ansatz einer Deutung liegt aus meiner Sicht stärker bei dem Erbarmen und der Gnade Gottes. Schlicht gesagt: “ Ich weiß es nicht genau, woran es liegt. Ich weiß aber, dass Gott uns ganz viel Gnade gibt“. In dem Zusammenhang zitiere ich gern das Wort aus dem Johannesevangelium „Aus seiner Fülle haben wir alle genommen, Gnade um Gnade!“ ( Jh 1,16).

Unsere Gemeinde nennt sich bewusst Braunschweiger Friedenskirche.
Welche Rolle spielen wir für unsere Stadt?
Die Stadt , bzw auch die Braunschweiger Region hat Gott uns sehr aufs Herz gelegt. Er liebt ja nicht die Menschen in den Gemeinden und Kirchen mehr als all die anderen Menschen, mit denen wir hier zusammen leben. Jesus ist für alle Menschen zur Vergebung der Sünden am Kreuz gestorben  und Gott will bekanntlich, dass allen Menschen geholfen wird, und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. ( 1.Tim 2,4).
Als die Gemeinde mich berufen hat, habe immer auch die ca. 250 000 Menschen dieser Stadt vor Augen gehabt und nicht nur die Mitglieder und Freunde der Gemeinde.  Durch das gewachsene und im „Netzwerk Nächstenliebe“ zusammengefasste sozial-diakonische Handeln hat Gott uns viele Türen in die Stadt und zu den Herzen der Menschen geöffnet.  Zudem ist es mir wichtig, dass wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Jesus seine Nachfolgerinnen und Nachfolger auch in anderen Gemeinden und Kirchen unserer Stadt und Region sammelt.  Die Gemeinde ist so ein Ort, wo wir uns immer wieder auf den lebendigen Gott ausrichten und zugleich auch zurüsten lassen für einen missionalen Lebensstil in dieser Welt.  Oft stelle ich mir die Frage: “ Was würde der Stadt und der Region Braunschweig fehlen, wenn es die Braunschweiger Friedenskirche nicht gäbe?“  Das ist eine heilsame und hilfreiche Frage, wenn wir uns darüber klar werden wollen, wozu wir eigentlich als Gemeinde da sind.

Was läuft in der Gemeinde gut und wo können wir noch zulegen?
Es mag uns helfen, wenn wir uns die fünf Grundwerte der Gemeinde vor Augen führen: Anbetung- Gemeinschaft- Diakonie- Evangelisation und Jüngerschaft. Diese Grundwerte haben wir hier in Braunschweig nicht erfunden; sie werden in vielen missionarisch ausgerichteten Gemeinden so oder auch mit ähnlichen Umschreibungen bezeichnet.  Wir haben in allen fünf Bereichen in den letzten Jahren zugelegt und das ist erfreulich. Ich wünsche mir für die nächsten Jahre eine deutliche Verstärkung des Gebetslebens auf den unterschiedlichsten Ebenen und auch eine vielfältige und tragfähige Gemeinschaftsstruktur. Wir haben die vielen Hauskreise und Gruppen, aber wir brauchen auch noch weitere Gemeinschaftsformen, wo der Einzelne stärker beheimatet ist. Eine so große Gemeinde wie die Braunschweiger Friedenskirche kann sich nur gesund weiterentwickeln und wachsen, wenn stabile und einladende Kleingruppen und Gemeinschaftsformen ebenso wachsen.  Das sind nur zwei Bereiche, wo wir ganz sicher zulegen können und auch sollten. Aber dann sind da in allen fünf Grundfunktionen der Gemeinde auch weiterführende Ziele, Visionen und Wünsche. Da habe ich keinen Mangel an Überlegungen und Vorstellungen, wo und wie wir noch „zulegen“ könnten.  Die vielen Ideen und Wünsche, die Träume von einer blühenden missionalen Gemeindebewegung in unserer Region , sie müssen und sollen immer wieder in die Hand Jesu gelegt werden. Er gibt uns auch das Tempo und das Schrittmaß der Entwicklung vor. Ich wünsche mir vor allen Dingen, dass wir abhängig und demütig vor unserem Herrn sind und dass all das Gute auf Jesus hinweist.

Welche Herausforderungen siehst Du auf die Braunschweiger Friedenskirche in den nächsten zehn Jahren zukommen?
Es sind zum einen die Herausforderungen, die mit der demographischen Entwicklung in unserem Land zu tun haben. Wir brauchen sicher ein vielfältiges und gutes Angebot für die unterschiedlichen Altersgenerationen, welche den 50. Geburtstag schon hinter sich haben, aber nicht nur einen Ruhestand mit Kreuzworträtseln und Kreuzfahrten ersehnen.  Senioren werden in der Zukunft gewiss ein ganz großes Schwungrad der weiteren Entwicklung werden. Weiterhin denke ich, dass die Braunschweiger Friedenskirche zunehmend international sein wird. Hier hat Gott uns schon auf einen guten Weg gebracht, aber dieser Weg ist erst am Anfang. Die ganze Welt wird zunehmend eine Migrationsplattform und die Antwort der christlichen Gemeinden muss darin liegen, dass wir neu nachbuchstabieren, dass wir in Christus eine gemeinsame Identität haben und deshalb  in einer Vielfalt und Unterschiedlichkeit zusammenstehen.

Was wünschst Du Dir für die Gemeinde?
Ich bete zu Gott, dass wir bei aller missionalen Zielorientierung immer auch den Glanz des Himmels unter uns spüren. Wenn die Gemeinde Jesu Christi zu einer Art Arbeitslager für Fromme mutiert, dann haben wir ganz sicher das Eigentliche am Chistenleben verpasst.  Gemeinde in dieser hektischen und fordernden Zeit soll immer auch eine Gemeinschaft und ein Ort des Aufatmens und der Sammlung und Freude sein. Wenn wir keine Zeit mehr haben, dass wir uns an den vorläufigen Segnungen  freuen , an den Zwischenstopps des Lebens, wenn unter uns keine Atmosphäre des Sabbats mehr ist, kein Vorgeschmack auf eine himmlische Ruhe,- die niemals langweilig wird, sondern absolut kreativ ist-, dann haben wir die Salzkraft verloren, von der Jesus in der Bergpredigt spricht (Mat 5,13).   So wünsche ich mir, dass wir  ihm ganz, ganz dicht an den Fersen bleiben. ER ist der Anfänger und Vollender unseres Glaubens .  Er geht voran, und wir wollen ihm folgen.


Mein Leben in Stichworten

  • geboren am 9. August 1953 in Bückeburg/ Niedersachsen
  • seit 1977 verheiratet mit Christiane (Diplom-Musikpädagogin)
  • Kinder: Julia (1981), Martin (1983), Eva-Maria (1984)

 

Ausbildung

  • 1974: Abitur
  • 1974–1979: Studium am theologischen Seminar Universität Hamburg
  • 1985–1992: Studium Theol. Faculteit in Leuven/Belgien
  • 1992: Promotion „Das Heil der Kinder. Religiöse Erziehung im deutschen Baptismus”

 

Berufliche Stationen

  • 1979–1983: Landesjugendpastor in Niedersachsen
  • 1983–1996: Pastor in Hannover
  • 1996–2003: Referent für missionarischen Gemeindeaufbau
  • seit August 2003: Pastor der Braunschweiger Friedenskirche

 

Ehrenämter

  • 1985–1996: Mitglied der Bundesleitung im Bund Evangelisch Freikirchlicher Gemeinden
  • 1985–1995: Leiter des Arbeitskreises „Gemeinde und Charisma”
  • 1996–2003: Vorsitz „Arbeitsgemeinschaft der Evangeliumschristen-Baptisten” in Deutschland
  • 1996–1999: Vorsitz „Promise Keepers” in Deutschland
  • seit 1996: Sprecher des Kreises Charismatischer Leiter in Deutschland
  • seit 1997: Leitungskreis der Lausanner Bewegung in Deutschland
  • seit 2003: Vorsitz „Geistliche Gemeindeerneuerung im BEFG”
  • seit 1996: Mitarbeit im Redaktionsteam der Zeitschriften „Aufatmen” und „Neues Leben”

 

Hobbies

  • Musik
  • Trendforschung
  • Sport